Musik

Juno Morse hat den Soundtrack für die utopische Maschinenstadt

Die Karriere des bekannten Science-Fiction-Autors Arthur C. Clarke (1917-2008) begann mit der kleinen Novelle „Against the Fall of Night“ (1948, dt. „Diesseits der Dämmerung“). Clarke überarbeitete das Buch später. Die längere Fassung veröffentlichte er 1956 unter dem Titel „The City and the Stars“ (dt. 1960 „Die sieben Sonnen“ bzw. 2011 „Die Stadt und die Sterne“).

Clarkes Thema in beiden Büchern ist das sichere, aber stagnierende Leben in der letzten, einzigen Stadt der Menschheit, Diaspar. Nach Jahrmillionen des Aufstiegs (Clarke dachte damals noch in zeitlichen Dimensionen, die an Olaf Stapledons „Sternenschöpfer“ erinnern) — die Menschen hatten ein weitläufiges Imperium im Weltraum errichtet — wurde die Menschheit zur Erde zurückgetrieben und alles, was von den menschlichen Kulturen übrig geblieben ist, findet sich in Diaspar — auf höchstem Niveau, von unglaublichen Maschinen behütet, aber stagniert und seltsam blass. Alvin ist das erste Kind, das seit langer Zeit geboren wurde. In „Against the Fall of Night“ bzw. „The City and the Stars“ begleiten wir Alvin dabei, wie er die Geheimnisse Diaspars, der Erde und der Menschheit aufdeckt — und natürlich ist am Ende doch alles etwas anders, als die offizielle Geschichtsschreibung vermutet.

Obwohl die Bücher schon so alt sind und in Stil und Zukunftsvorstellungen daher recht anachronistisch anmuten, ist es immer wieder eine Freude, Alvin lesend zu begleiten. Vor kurzem habe ich nun den Soundtrack zum Buch entdeckt. Der Züricher Musiker Juno Morse (mit bürgerlichem Namen Gregor Huber) hat 2013 ein ganzes Album zu „The City and the Stars“ komponiert und es auf Soundcloud zum kostenlosen Hören eingestellt:

Dieser „Artificial Symphonic Approach in 6 Movements“ (so der Untertitel) fängt die Atmosphäre von Clarkes Werk perfekt ein. Juno Morses Album ist elektronisch, beginnt aber mit kathedralenhafter, hollywoodesker Wucht, die den Pathos der Selbstherrlichkeit Diaspars sofort auf den Punkt bringt.

Schnell wird aber auch musikalisch deutlich, dass Diaspar am Ende doch nur ein leises Echo besserer Tage ist, übriggeblieben auf einer Erde, die schon vor Zehntausenden von Jahren zur Wüste geworden ist. Zwischen diesen Polen wechselt die Musik im Verlauf der Handlung: historische Größe einerseits, Melancholie des Niedergangs andererseits, aber doch mit leisen Hoffnungsschimmern versetzt, je mehr Alvin entdeckt.

Mal erinnert sie dabei an Soundtracks von Filmen wie Interstellar (wenn Juno Morse mit pompösen Orgelklängeln spielt) oder Blade Runner (wenn traurige, elektronisch verfremdete Bläser einsetzen). Dann wieder drängen sich Erinnerungen an Computerspiel-Soundtracks auf, wie Exxoss‘ 1992er Album Dune: Spice Opera (zum Spiel zum Film zu Frank Herberts Roman „Der Wüstenplanet“) oder zum Soundtrack des 2016 erschienenen Stellaris (wenn sich zu den Bläsern chillige Midtempo-Beats gesellen).

Die verschiedenen Elemente ergänzen sich zu einem kohärenten Ganzen. Mit der entstehenden Mischung gelingt es Juno Morse nicht nur, die Geschichten Clarkes angemessen zu vertonen — die Musik ruft auch die Erinnerung an mehrere Jahrzehnte multimedialer Science-Fiction-Popkultur hervor, was eigene Beachtung verdient und das Album hörenswert macht.

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