Zur Position des Menschen im Über-Strom

Es gibt zwei prinzipielle Weisen, wie wir in der „nächsten Computergesellschaft“ (so nannte ich 2016 in einem Ausblick die Stufe nach der von Dirk Baecker für heute beschriebenen Computergesellschaft oder „nächster Gesellschaft“) oder eben: im Über-Strom leben und zu den technischen Systemen stehen können bzw. wie diese Gesellschaft gestaltet sein kann.

ENTWEDER:

Computer, KI-Systeme usw. werden weiter „zur zweiten Natur“, wie Luhmann für Technik allgemein sagte:

  • der Trend zur Geschlossenheit setzt sich fort, zur scheinbaren (vorgespielten) Einfachheit, zur Unscheinbarkeit, zur Uneinsehbarkeit der black box, zum Versteckspiel.
  • Die Nicht-Trivialität der meisten technischen Systeme wird weiterhin von „Trivialisierungsspezialisten“ (Heinz von Foerster, 1993) verschleiert. Der umgedrehte Transparenzbegriff der Informatik, nach dem oft gerade die Vorgänge als transparent bezeichnet werden, die Nutzer*innen nicht sehen, wird als Ideal angesehen und daher ins Extrem getrieben: Auch die Entwicklung, inkl. Design und Test, neuer Technik findet automatisiert und unsichtbar statt.
  • Die Folge ist ein quasi-schamanistisches Verhältnis einer neuen Stammesgesellschaft zur Technik (wenigstens zur nicht-trivialen Technik), wie es schon Erich Schneider Anfang der 1990er geschildert hat: ein Zugang zu Technik als Naturgewalt, bei der am Ende nur geahnt und geglaubt wird, dass Technik funktioniert, aber nicht gewusst, wie und unter welchen Voraussetzungen sie das tut, und in der Technologie (als technikphilosophisch gemeinte Reflexionsweise zu Technik) keine Rolle mehr spielt.

ODER:

Wir erkennen, dass unsere Mündigkeit als Individuen im Über-Strom davon abhängt, eine echte Transparenz nicht-trivialer Technik immer wieder ein- und herauszufordern, gerade dann, wenn es nicht möglich scheint:

  • Wir entwickeln mehr, nicht weniger Interesse am Wie technischer Leistungen, und wir geben nicht dem Reiz der Trivialisierung nach.
  • Wir opfern Bequemlichkeit für Handlungsfähigkeit.
  • Als Entwickler*innen von Software ermöglichen wir stets Einblicke in die Funktionsweise unserer Produkte und sorgen jederzeit für die Möglichkeit (!) von Transparenz, etwa hinsichtlich der Genese von Berechnungsergebnissen oder der Nachvollziehbarkeit von KI-Entscheidungen.
  • Als Nutzer*innen bilden wir nicht nur technikbezogene Skills aus (als bloße Anwender*innen), sondern verstehen die Forderung nach „Code Literacy“ (Douglas Rushkoff) als umfassenden Bildungsauftrag, der Technik und Technologie vor dem Hintergrund subjektiver Wahrnehmung und Erfahrung sowie der Einbindung des Individuums in die Gesellschaft ernst nimmt.

Es geht letztlich um die Entscheidung zwischen Fremd- und Selbstbestimmung. Es handelt sich um eine Grundsatzentscheidung, der sich jede*r bald stellen muss, wenn sie*r nicht von ‚den Ereignissen‘ kalt erwischt werden will.

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