7 aus dem Strom: KW22/23

Forschung und Diskussionen zu Digitalisierung, Künstlicher Intelligenz, veränderter Mediennutzung oder neuen technologischen Entwicklungen wirken wie ein endloser Strom mit vielen Abzweigungen. Regelmäßig verlinken wir sieben besonders interessante Neuigkeiten.

Dass Frauen auch zu Beginn der Informatik eine wichtige Rolle spielten, wird glücklicherweise zunehmend bekannter. Das Quanta Magazine berichtet über die Mathematikerinnen und Programmiererinnen Margaret Hamilton und Ellen Fetter, die in den 1960er Jahren für die Programmierung des LGP-30-Computers zuständig waren, mit dem Edward Lorenz die Chaostheorie einläutete. Der Meteorologe und Mathematiker Lorenz modellierte mit dem LGP-30 Wettersysteme. Bekannt ist der sogenannte Schmetterlingseffekt, bei dem eine kleine Veränderung eines Systems eine große, unvorhersehbare Wirkung zeigen kann (wie eben der Flügelschlag, der weit entfernt einen Wirbelsturm auslöst).

Margaret Hamilton, neben Ausdrucken des Quelltextes der Apollo-Software (Bildnachweis: Wikipedia/gemeinfrei)

Hamilton arbeitete später an der Software für das Apollo-Projekt und für die Raumstation Skylab. Fetter widmete sich ihren Kindern; Versuche, später wieder in der Softwareentwicklung Fuß zu fassen, scheiterten offenbar an ihrem Alter: “They went with young, techy guys.” Edward Lorenz dankte beiden Frauen am Ende seiner Veröffentlichungen für ihre Unterstützung; als Co-Autorinnen wurden sie, dem wissenschaftlichen Zeitgeist entsprechend, aber nicht aufgeführt.


Alan Turing, ca. 1938 (Bildnachweis: Wikipedia, gemeinfrei)

In ihrer Serie „Overlooked No More“ bringt die New York Times verspätete Nachrufe über bemerkenswerte Persönlichkeiten, die zu ihren Lebzeiten oder zum Zeitpunkt ihres Todes in der Zeitung „übersehen“ wurden. Im aktuellen Teil geht es um den britischen Mathematiker Alan Turing, der im Zweiten Weltkrieg feindliche Verschlüsselungen knackte und der als Computerpionier gilt. Die Begriffe „Turing-Maschine“ (als theoretisches Modell) und „Turing-Vollständigkeit“ sind fester Teil der Informatik (mehr dazu hier), und der „Turing-Test“ (bei dem es darum geht, ob eine Maschine als Mensch durchgehen könnte) ist auch außerhalb der Informatik bekannt. Aufgrund seiner Homosexualität wurde Turing 1952 angeklagt und hatte die Wahl zwischen einer Haftstrafe oder einer Hormon-Behandlung; er entschied sich für die Behandlung. In der Folge erkrankte Turing an Depressionen. Er starb 1954 offenbar an einem vergifteten Apfel; es wird davon ausgegangen, dass es sich um Suizid in Folge der Anklage, der Hormon-Behandlung und der Depressionen handelte. Im Jahr 2009 entschuldigte sich die britische Regierung posthum, und erst 2013 wurde Turing begnadigt.


Der Standard veröffentlichte ein kurzes, aber interessantes Interview zu KI mit dem Direktor des Tübinger Max-Planck-Instituts für intelligente Systeme, Bernhard Schölkopf.


Auf dem Treffen der G20-Finanzminister in Fukuoka/Japan wurden Regeln zur Entwicklung und Anwendung von Künstlicher Intelligenz beschlossen. Diese Regeln basieren laut Berichten auf den Empfehlungen, die im Mai 2019 von den 36 OECD-Mitgliedern und sechs weiteren Staaten verabschiedet wurden (Pressemitteilung; Download der kompletten Empfehlung als PDF). Darin wird der Mensch in den Mittelpunkt gerückt. Die OECD empfiehlt, „das Prinzip der Rechtsstaatlichkeit, die Menschenrechte und demokratische Werte [zu] achten […], u.a. Freiheit, Würde und Selbstbestimmung, Schutz der Privatsphäre und Datenschutz, Nichtdiskriminierung und Gleichbehandlung, Vielfalt, Fairness, soziale Gerechtigkeit und international anerkannte Arbeitsrechte“. Technische Systeme sollen entsprechende Schutzmaßnahmen beinhalten. Staaten, die der OECD-Empfehlung zustimmen, sollen „im Rahmen eines sozialen Dialogs, Maßnahmen ergreifen, die im Zuge der Einführung von KI eine für Arbeitskräfte faire Umstellung gewährleisten“. Die G20-Mitglieder Russland und China waren an dem OECD-Beschluss nicht beteiligt, scheinen aber im Rahmen der G20 den Empfehlungen nun auch zugestimmt zu haben. Inwieweit das mit insbesondere in China weit fortgeschrittenen Entwicklungen, etwa zum Social Scoring, zusammenpasst, bleibt wohl abzuwarten. (Ursprüngliche Quelle: Spiegel Online)


Auch in Deutschland wird das Recht auf Datenschutz zunehmend in Frage gestellt, zumindest wenn es um den Wunsch staatlicher Behörden geht, auf Daten zuzugreifen. Aktuell wurde über Forderungen berichtet, auf Aufzeichnungen von Sprachassistenten wie Amazons Alexa oder den Google-Assistenten zuzugreifen. In einem umfangreichen Bericht bei ZEIT online rekonstruieren Kai Biermann und Daniel Müller, dass konkrete Pläne dafür wohl (doch (noch)) nicht vorliegen, dass aber der Wunsch durchaus vorhanden ist. Die Autoren weisen darauf hin, dass gerade in letzter Zeit viele kleine Forderungen in verschiedenen Bereichen laut wurden, und sie vermuten, dass damit getestet werden könnte, wie weit die Bürger*innen zu gehen bereit sind.


Verstärkendes Lernen (Reinforcement Learning) ist ein Ansatz im Machine Learning, bei dem ein künstliches System durch den Erhalt von positiven oder negativen Belohnungen die situativ jeweils „beste“ Situation auswählt. Damit soll es in die Lage versetzt werden, wirklich eigenständig auf neue Bedingungen zu reagieren (am Beispiel des Gitarrenspielens wird das recht anschaulich im Statworx-Blog erklärt). Im Google AI-Blog wird nun eine Lernumgebung für verstärkendes Lernen vorgestellt, die sich am Fußballspiel orientiert.

Die Umgebung dient dazu, KI-Ansätze zu testen, die für selbstständige, sich an ihrer Umwelt orientierende Maschinen gedacht sind. Fußball sei dafür als Übungs- und Entwicklungsszenario besonders geeignet, weil ein erfolgreiches Spielen die Verknüpfung kurzfristiger Kontrollsituationen, erlernter Konzepte und längerfristiger Strategien erfordere (Download des Tools und Download des Papers als PDF).


Zur Rolle der Religion in der Computergesellschaft schrieb Dirk Baecker vor einigen Jahren, dass die Religion „von einer Welt [berichtet], die umso fremder auf den Menschen zurückschaut, je weiter dieser in sie hineinschaut.“ Im Standard wird über eine Studie mehrerer britischer Universitäten berichtet, die untersucht hat, wie Atheisten und Agnostiker zu Gott und anderen übernatürlichen Phänomenen stehen. Interessant ist dabei, dass das Nichtglauben an Gott oder Götter nicht bedeutet, auch andere übernatürliche Phänomene auszuschließen (S. 14 der Original-PDF).

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