Sicher verstrickt

Obwohl ich gewiss kein Gegner digitaler Medien bin (im Gegenteil), habe ich vor ein paar Wochen meine Accounts bei Facebook und WhatsApp gelöscht. Der Stress der Nutzung überwog irgendwann den Nutzen. Anstatt mich etwa bei einem Parkspaziergang während der Pause zu entspannen, „musste“ ich schauen, was im digitalen Umfeld so passiert ist — wer hat was gepostet, worüber wird mehr oder weniger impulsiv diskutiert, und hat irgendwer das vorhin gepostete Foto oder meinen Blogeintrag „geliked“? Was aus diesem mitunter wirren Netz aus Möglichkeiten könnte relevant für mich sein?

Bildnachweis: eskemar / photocase.de

Diese Art digitaler Stress ist mittlerweile ein bekanntes Phänomen, und es gibt Ratschläge, ihm zu entgehen, Stichwort Digital Detox. Ich entschied mich nach einigem Abwägen für den radikalen Entzug — wenn ich nicht mehr bei solchen Diensten angemeldet bin, können sie mich auch nicht mehr ablenken. Das ist jetzt etwa einen Monat her, und noch immer verspüre ich so eine Grundnervosität. Einerseits immer mal wieder der Gedanke, ich könnte etwas Interessantes verpassen; andererseits immer noch der Impuls, Dinge, die ich interessant finde, sofort „teilen“ zu wollen. Wenn mir dann wieder einfällt, dass das ja nicht mehr geht, wird mir die Ambivalenz digitaler Netzwerke insgesamt sehr bewusst. Das gilt dann nicht nur für soziale Medien im engeren Sinne, sondern meint die Verfügbarkeit des Internet und dessen Leistung, andere Dinge verfügbar zu machen.

Einerseits nämlich kann die Eingebundenheit in digitale Netzwerke ein beruhigendes Gefühl erzeugen. Es verleiht Sicherheit, „Zugriff“ zu haben auf riesige Datenmengen (was oft mit Informationen und Wissen verwechselt wird) und auf Spuren, die andere Menschen hinterlassen (was oft mit den Menschen selbst verwechselt wird). Es fühlt sich nach Nähe an, Neuigkeiten oder Kommentare von Bekannten zu lesen. Es erzeugt kurze Momente der Befriedigung, wenn selbst produzierte Daten andere Menschen dazu motivieren, eine Spur darunter zu hinterlassen (wie das „Gefällt mir“ unter Facebook-Einträgen, Instagram-Fotos und Twitter-Tweets). Es verschafft ein Flow-Gefühl, wenn man mit Hilfe des Internet schneller und vielleicht auch qualitativ besser arbeiten kann.

Andererseits funktioniert das nur, so lange man mit dem Netzwerk verbunden ist. Wenn diese Verbindung einmal gekappt ist (weil man auf dem Smartphone „kein Netz“ hat, das Firmennetzwerk ausgefallen ist, der Internetanbieter eine technische Störung hat, der Computer abgestürzt ist, das WLAN nicht richtig konfiguriert ist, …), kann man schnell vor Schwierigkeiten stehen — von der erwähnten Grundnervosität, die im besten der schlechten Fälle eine Weile aushaltbar ist, bis hin zu echter Hilflosigkeit — diese nicht etwa in Dingen, die man normalerweise als Notfall einstufen würde (z.B. medizinischer Art), sondern in scheinbar trivialen Zusammenhängen.

Beispiele dafür kenne ich nicht nur aus meinem eigenen Leben, sondern auch aus meiner Tätigkeit im technischen Service. Fällt das Internet aus, rufen Menschen bei ihren Internetanbietern an. Dringlichkeit wird oft dadurch erzeugt, dass ohne Internet wichtige Dinge nicht erledigt werden können: Das eigene Kind kann keine Hausaufgaben für die Schule machen, man selbst die wichtige Seminararbeit fürs Studium nicht schreiben oder diese wichtige große Familienfeier nicht organisieren. Manches davon kam mir früher etwas absurd vor — gibt es keine Bücher und Bibliotheken mehr? Warum bitte ist es so schlimm, wenn Sie für ein paar Stunden mal kein Netflix & Co. schauen oder Ihr Online-Spiel nicht spielen können? Und verschicken Sie die Einladungen zu Ihrer Feier doch per Post statt über WhatsApp. Es waren ziemlich herablassende Gedanken, die ich da manchmal hatte.

Denn so einfach ist es nicht. Einmal davon abgesehen, dass mir quasi der komplette Kontext fehlte, um solche Gedanken zu rechtfertigen, fühlt sich der plötzliche Ausfall von Technik oft wie ein Schock an. Man rechnet nicht damit. Menschen und Technik — vor allem digitale Technik — sind heute in engen Leistungsbeziehungen verbunden, und wenn diese Verbindung reißt, dann kann es subjektiv sehr schlimm sein, egal ob man das als Außenstehende*r im Einzelfall nachvollziehen kann. Der plötzlich fehlende Zugriff auf Daten und Spuren von Menschen — die unerwartete „Unverfügbarkeit“, um mit Hartmut Rosa zu sprechen — kann sich als plötzliches Gefühl des Alleinseins, als diffuse Wahrnehmung von Verlorenheit, als Hilflosigkeit und sogar als Angst zeigen; letztere vor allem, weil man den diversen Erwartungen nicht mehr so schnell — oder mitunter gar nicht mehr — nachkommen kann, die von Dritten an einen gestellt werden.

Wenn Sonntag abends zu Hause „das Internet ausfällt“, während Sie an dieser wichtigen Präsentation arbeiten, die Montag früh fällig ist, kommt schnell die verzweifelte Frage: „Was soll ich denn jetzt machen?“ An oft durchaus vorhandene Alternativen (im Beispiel etwa ein WLAN-Hotspot über das Smartphone) denkt man in so einer Situation gar nicht (weil man sie sonst nie braucht), oder man hat davon ohnehin noch nie gehört (weil man nie einen Grund dafür sah, sich tiefer mit der vertrauensvoll genutzten Technik und Alternativen zu ihr zu befassen).

Weil Technik einfach nur funktionieren soll, und das Design von Technik auf Nutzer*innen auch immer mehr den Eindruck macht, es wäre tatsächlich so einfach (mehr dazu in meinem neuen Buch „Die Unschuld der Maschinen“), blendet man die Möglichkeit von Ausfällen zunehmend aus. Man erwartet und vertraut darauf, dass alles gutgehen wird.

Man fühlt sich sicher aufgehoben in dem Netzwerk.

So lange, bis die Verbindung doch mal reißt und man feststellt, dass man sich ganz schön verstrickt hat in dem Netz und kaum sicher wieder herauskommen kann. Bestenfalls kann man die Fäden ordnen und sortieren, um das Netzwerk besser zu überblicken und über eigene Handlungsmöglichkeiten orientiert zu sein.

Bildnachweis: eskemar / photocase.de

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