Medienschau

7 aus dem Strom: KW19-20

Forschung und Diskussionen zu Digitalisierung, Künstlicher Intelligenz, veränderter Mediennutzung oder neuen technologischen Entwicklungen wirken wie ein endloser Strom mit vielen Abzweigungen. Einmal in der Woche verlinken wir sieben besonders interessante Neuigkeiten.

Die Möglichkeit, in Echtzeit gesprochene Sprache zu übersetzen, ist seit langem ein Traum vieler Science-Fiction-Autor*innen — sei es, eher satirisch, als Babelfisch in Douglas Adams Roman „Per Anhalter durch die Galaxis“, oder ernstgemeint als „Universalübersetzer“ in „Star Trek“. Im Google AI Blog stellen die bei Google tätigen Ye Jia und Ron Weiss nun ihren „Translatotron“ vor. Statt gesprochene Sprache erst in Text umzuwandeln, der anschließend maschinell übersetzt und dann per Sprachausgabe quasi vorgelesen wird, nutzt das neue System Spektrogramme der Eingabe und generiert direkt Spektrogramme in der Zielsprache. Die klingt dabei sogar ähnlich wie die ursprünglichen Sprecher*innen. In dem Blogbeitrag sind mehrere Beispiele zu hören, weitere gibt es hier, wobei auch bewusst nicht so gut gelungene Übersetzungen präsentiert werden.


Neue Technologien orientieren sich an Formen, die wir kennen. Dies ist anfangs nötig, um sie möglichst problemlos nutzen zu können oder anfängliche Barrieren und Sorgen abzubauen. Im Interview in meinem jetzt als E-Book verfügbaren Buch „Die Unschuld der Maschinen“ sagt der Kommunikationswissenschaftler Wolfgang Sucharowski dazu: „Ein neuer Gegenstand muss mit etwas Bekanntem verbunden werden können, um mit ihm hantieren zu können. Als beispielsweise die ersten Mails auftraten, war ihre Nutzung kein Problem, sie wurden medial einem erweiterten Handlungskonzept Brief zugeschrieben. Das Smartphone folgte dem Konzept Telefon. Der Computer avancierte zur optimierten Schreibmaschine.“ (Das gedruckte Buch erscheint im Juni 2019).


Eine ähnliche Beobachtung macht auch Peter Glaser unter dem Titel „Warum keiner mehr rangeht“ bei Technology Review. Glaser stellt fest, dass die Telefonkultur verschwindet. Als wichtiges Merkmal der Telefonkultur sieht Glaser „die Übereinkunft, dass Kommunikation, die mit Maschinenhilfe transportiert wird, eine geheimnisvolle Zunahme an Wert erfährt und Vorrang genießt.“ Wenn das Telefon klingelt, dann hatte man ranzugehen, alles andere wurde unwichtig. Dies sei heute nicht mehr so. Und Smartphones, so Glaser, „heißen nicht so, weil sie Telefone sind, sondern weil die Leute wissen, was ein Telefon ist“.


Die New York Times berichtet von einem britischen Forschungsprojekt, bei dem die DNA von Colibakterien „umgeschrieben“ wurde, um deren Erbgut zu komprimieren. Die Bakterien seien ungewöhnlich geformt und würden sich nur langsam vermehren, aber am Leben. Die New York Times wirft die Frage auf, ob es sich um künstliches Leben handle.


Wenn es um künstliche Intelligenz (KI) geht, haben wir es heute mit sogenannter schwacher KI zu tun. Die hat nichts mit selbstbewussten, kreativen Wesen zu tun, wie man sie aus der Science Fiction kennt, sondern es handelt sich im Wesentlichen um die Analyse riesiger Datenmengen, aus denen bestimmte Merkmale extrahiert und ggf. neu kombiniert werden. Wie KI-Systeme das im Detail machen, und wie sich das für Beobachter darstellt, ist selbst ein neues Forschungsfeld, wie die FAZ berichtet. In dem Original-Artikel, den die Initiator*innen dieser „Machine Behavioural Studies“ bei Nature veröffentlicht haben (kostenfrei lesbar), wird der interdisziplinäre Ansatz deutlich: Es wird nicht nur auf ingenieurwissenschaftliche Methoden zugegriffen, sondern auch Erkenntnisse der Verhaltensforschung zu biologischen Akteuren berücksichtigt. Besonders wichtig erscheint mir, dass die Autor*innen individuelles maschinelles Verhalten, kollektives maschinelles Verhalten und „hybrides“ Verhalten von Mensch und Maschine als Ökosystem betrachten, bei dem es zu gegenseitigen Wechselwirkungen kommt. So ein systemisches Verständnis ist heute mehr denn je nötig.


Die Wissenschaft ist permanent damit befasst, Lösungen für große Probleme unserer Zeit zu entwickeln oder über die Folgen möglicher Lösungen zu reflektieren. Dies könnte eigentlich einen großen Einfluss auf die Gesellschaft haben — hat es aber nicht genug, wie Judith Reichel in einem Beitrag im scilogs-Blog „Mit Herz und Hirn“ beklagt. Die Autorin stellt fest, dass zwar ständig wissenschaftlich relevante Themen wie Klimawandel oder Impfpflicht in den Medien vorkommen, dass aber die wissenschaftliche Arbeit dahinter kaum zur Sprache kommt. Reichel stellt die wichtige Frage: „Wie können Vertrauen und Zuversicht in eine Disziplin verlangt werden, wenn über diese selbst nichts bekannt ist?“ Die Autorin stellt fest, dass sich Wissenschaftskommunikation zuletzt sehr verbessert hätte, aber in den traditionellen Medien trotzdem kaum Resonanz finden würde.


Die Grumpy Cat ist tot und WIRED-Autorin Angela Watercutter sieht dies als Zeichen für das Ende des freudvollen („joyful“) Internet. Die Katze, deren Name eigentlich Tardar Sauce war, tauchte 2012 im Internet auf, und sah — zumindest aus menschlicher Perspektive — ziemlich schlecht gelaunt aus. Sie wurde schnell zum Mem. Damals, so die Autorin, „waren Meme noch keine Massenvernichtungswaffen“ und „wir wussten noch, was ein Troll war“. Mit dem Tod von Grumpy Cat verschwinde eine Ära, in der das Internet mehr ein Ort der Freude denn des Hasses war.

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